Rezension | „Mosquitoland“ von David Arnold

Kategorie: Rezensionen, Up(to)date | 5 Nestgeflüster


Mosquitoland /
Autor: David Arnold / Seiten: 352 (Hardcover) / Verlag: Penguin RandomHouse / Sprache: Englisch / Amazon.dePenguin Random House und bei Heyne fliegt

 

 

Der Autor…

Bevor er zum Schreiben kam, war David Arnold schon Musiker, Produzent, Vorschullehrer und Vollzeit-Dad. Auf und davon ist sein von Presse und Lesern begeistert besprochener Debütroman. Der Autor lebt mit seiner Familie in Lexington, Kentucky.

 

 

Der Plot…

Mim Malone ist nicht okay. Nein, das ist sie ganz und gar nicht. Seit kurzem muss sie, gegen ihren Willen, bei ihrem Vater und ihrer neuen Stiefmutter in Mississippi leben. Es reicht ihr, immer das zu tun, was ihr Vater und seine neue Frau für richtig halten. Sie will nicht Teil dieses neuen Lebens sein und lieber wissen, weshalb ihre Mutter so plötzlich aus ihrem Leben verschwunden ist. Wieso beantwortet sie ihre Briefe nicht mehr?
Also steigt Mim einfach in den Greyhound-Bus Richtung Ohio, zu ihrer Mom. Während draußen die Landschaft vorbeifliegt, macht Mim einige unvergessliche Bekanntschaften – da ist die ältere Dame Arlene mit ihrer geheimnisvollen Box, der unheimliche Poncho-Man, der wunderbar sonderbare >hey, hey< Walt. Und sie trifft auf den äußerst attraktiven Beck, an den sie ihr Herz zu verlieren droht … Doch Mim kann weder die vergangenen Jahre vergessen, noch weiter vor der Zukunft davon laufen. Sie muss sich den wirklich entscheidenden Fragen in ihrem Leben stellen und ihre Vorstellungen von Liebe, Loyalität und was es bedeutet, wirklich bei sich zu sein, neu definieren.

 

 

Meiner Ansicht nach…

Bei vielen Roadtrip Büchern im Jugendbuch Bereich geht es darum, wie ein junger Mensch das sichere Zuhause verlässt, mit dem Gedanken ein aufregendes Abenteuer zu erleben.
Der Roadtrip von Mary Iris Malone aka Mim hingegen gestaltet sich komplizierter. Sie ist nämlich der Meinung, ihr Trip führt sie NACH Hause. Sie will zurück zu etwas, was einmal war und was sie jetzt durch die Entfernung zu ihrer Mutter glaubt, verloren zu haben. Sie möchte schnellstmöglich zu ihr und dadurch die Distanz zu ihrem Vater und ihrer Stiefmutter vergrößern, denn heimisch fühlt sie sich nicht.

 

“Home is hard. Harder than Reasons. It’s more a storage unit for your life and its collections. It’s more than an address, or even the house you grew up in. People say home is where the heart is, but I think maybe home is the heart. Not a place or a time, but an organ, pumping life into my life. There may be more mosquitos and stepmothers than I imagined, but it’s still my heart. My home.

 

Aber es ist nicht nur das Gefühl der Entwurzelung, welches an Protagonistin Mim nagt. Sie ist zum einen ihrem Vater gegenüber nachtragend, weil dieser zu schnell nach der Trennung von Mims Mutter, geheiratet hat. Zum anderen kämpft das junge Mädchen seit Jahren mit einer psychischen Erkrankung. Immer wieder muss sie sich die Frage stellen, welche Geschehnisse und Stimmen ihrer Krankheit zuzuordnen sind, und welche real sind.

MOSQUITOLAND ist mein erstes Jugendbuch gewesen, in welchem psychische Erkrankung zentrales Thema ist. Ich war manchmal etwas verwirrt bei einigen Szenen, in denen Mims Umgebung sich durch ihre eigene Wahrnehmung plötzlich verändert. Zugleich hatte ich das Gefühl, das genau das die Intention von Autor David Arnold gewesen ist, um dem Leser Mims Welt bzw. ihren Verstand entsprechend zu übermitteln. Tatsächlich fühlte ich mich binnen kurzer Zeit immer besser in diese Figur hinein. Das lag mitunter auch an Arnolds Talent mit Worten umzugehen. Es gibt aber auch recht sonderbare Entwicklungen und kleine Leerläufe, die mich als Leser jedoch selten abschweifen ließen. Unerwähnt sollten auf keinen Fall die Brief-Passagen sein, denn sie sind tragend für die sehr überraschende Auflösung.

 

“I’m feeling reckless – or honest, maybe. Sometimes, it’s hard to tell the difference.”

 

Mim ist ein sagenhaft tolles Mädchen. Sie trägt viel Ballast auf dem Herzen und im Kopf mit sich, so viel steht fest. Mir wird noch lange in Erinnerung bleiben, wie es mir kalt den Rücken runterfuhr, während sie sich das erste Mal mit dem Lippenstift der Mutter dem >War-paint<-Ritual unterzog. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass Mim wirklich nicht okay ist. Aber ihr trockener Humor, die sarkastischen Dialoge und ihr besserwisserisches Wesen, nahmen den recht tragischen Hintergründen zwischendurch die Schwere.

“You know–I think my best course of action is to just let the ridiculousness of that sentence marinate.”

 

Obwohl Mim eindeutig ein wichtiges Element des Romans ist, möchte ich die Erwähnung des restlichen Casts nicht versäumen. Es gibt tolle Figuren, auf Mims Reise – wie Arlene – die sie viel zu kurz begleitet. Es gibt zwielichtige Personen, die man ganz schnell wieder loswerden will. Und dann gibt es schillernde Figuren – wie Walt – der mit einer solchen Selbstverständlichkeit ein guter Freund für sie wird, dabei aber niemals aus seiner Welt heraustritt. Von Walt hätte ich gerne noch mehr erlebt, ihn gerne noch länger begleitet. Und natürlich muss Beck erwähnt werden, der ebenfalls auf der Suche nach Wahrheiten und sich selbst ist, und in Mim Gefühle weckt. Zu dritt waren sie für mich die drei Musketiere.

Die Geschichte ist nicht vollkommen, aber im nachhinein passt diese Unvollkommenheit zum Rest des Buches und macht es dadurch so stimmig. Keine von David Arnolds Figuren in MOSQUITOLAND ist perfekt. Jeder hat seine eigenen Gespenster im Kopf.
Den Stimmen und Problemen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern den eigenen Weg – egal wie konfus und surreal er ist – zur Lösung zu finden. Es wird das Gute und Schlechte aufgezeigt, dass einem widerfährt, aber vor allem diese nicht definierbare Grauzone.

 

“Life can be a real son of a bitch sometimes, bringing things back around long after you’ve said good-bye.”

 

Spieglein Spieglein

Zum US-Cover bleibt nichts zu sagen, außer dass es mein Kaufgrund war. Hinweisen möchte ich, aufgrund meiner Begeisterung für diese sonderbare Geschichte, nochmal auf die bald erscheinende Übersetzung. AUF UND DAVON erscheint im August 2015 bei Heyne fliegt.

 

Auf und davon_Arnold_rand

 

 

 

Tacheles…

„Mosquitoland“ist alles andere als eine Eintagsfliege. Das YA-Debüt besticht durch sonderbare Figuren, herzzerreißende Begegnungen und schmerzhafte Offenbarungen. David Arnold rüttelt Mithilfe seiner fabulös seltsamen Protagonistin, rau und sanft zugleich am menschlichen Verstand. Mim Malone ist vielleicht nicht okay, aber David Arnolds Debüt ist es absolut.

 

 

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    5 Nestgeflüster zu “Rezension | „Mosquitoland“ von David Arnold”

    1. Noemi am 27. Oktober 2015 um 00:47 Uhr

      Ooohh, danke für die Lese-Inspiration!! Brauchte ich grade!!

    2. ThatYvo am 25. Mai 2015 um 16:32 Uhr

      DAS ist mir in der Vorschau auch aufgefallen, ich überlege nur noch, ob ich es auf englisch oder deutsch kaufe^^

      • Sandy am 25. Mai 2015 um 21:19 Uhr

        Ja, das ist hier die Frage. Kann natürlich nicht beurteilen, wie gut die Übersetzung ist. Aber ich habe es sehr genossen, den Originaltitel zu lesen.

    3. Fabian am 24. Mai 2015 um 09:01 Uhr

      Kann dir nur in allen Punkten zustimmen. Ich finde auch das Ende macht den etwas schnöden Mittelteil auch echt wieder wett.
      Besonders gut gefiel mir auch, dass nichts irgendwie überdramatisiert oder beschönigt wird. Also, bei dem Hintergrund dass es hier um eine Krankheit geht, hätte der Autor auch eine ganz andere Schiene fahren können. Zum Glück hat er es nicht getan 😀

      • Sandy am 24. Mai 2015 um 12:20 Uhr

        Absolut. Es wurde nie überzogen dargestellt.
        Den Autor merke ich mir. Hast du dir denn „Challenger Deep“ von Neil Shusterman angeschaut? Da ist die Thematik auch Nervenkrankheit. Ich behalte es definitiv mal im Hinterkopf.

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