Rezension | „180 Grad Meer“ von Sarah Kuttner

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180 Grad Meer_Kuttner

 

Sarah Kuttner / 272 Seiten / Gebundene Ausgabe / Verlag: S. Fischer Verlag / auch erhältlich bei: Bücher.de, mayersche.de

 

Die Autorin…

Sarah Kuttner wurde 1979 in Berlin geboren und arbeitet als Moderatorin. Sie wurde mit ihren Sendungen ›Sarah Kuttner – Die Show‹ (VIVA) und ›Kuttner.‹ (MTV) bekannt und arbeitete mehrfach für die ARD. Bei zdf.neo hat sie das Großstadtmagazin ›Bambule‹ moderiert, zurzeit läuft dort ihr erfolgreiches Talkshowformat ›Kuttner plus Zwei‹. Ihre Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress wurden im Fischer Taschenbuch Verlag veröffentlicht. Ihr erster Roman ›Mängelexemplar‹ erschien 2009 und stand wochenlang auf der Bestsellerliste. 2011 erschien ihr zweiter Roman ›Wachstumsschmerz‹. Sarah Kuttner lebt in Berlin.

 

 

Der Plot…

Nachdem ihr Vater die Familie verlassen hat, ist Jule mit ihrem Bruder und ihrer selbstmordgefährdeten Mutter aufgewachsen. Als Erwachsene hat sie sich einen Alltag geschaffen, in dem sie alles nur noch irgendwie erträgt: ihren Job als Sängerin, die unzähligen Anrufe ihrer Mutter, den ganzen Hass in ihr, der sie fast verschwinden lässt. Als auch ihre Beziehung zu bröckeln beginnt, flieht sie zu ihrem Bruder nach England, auf der Suche nach Ruhe und Anonymität.
Doch dort trifft sie auf ihren Vater, der im Sterben liegt. Zaghaft beginnt Jule einen letzten Versuch, sich dem Mann anzunähern, von dem sie sich ihr Leben lang im Stich gelassen gefühlt hat.

Eine tragikomische Road-Novel über das komplizierte Verhältnis zu den eigenen Eltern und den Wunsch, Urlaub von sich selber machen zu können.

 

„Meer ist nichts wert, wenn es sich nicht zu 180° vor mir erstreckt…“

 

Mein Resumé…

Natürlich kannte ich Sarah Kuttner bereits als flippigen VJ für Musiksender. Sie heizte durch ihre rotzigen Sprüche dem jungen Publikum ein, war irgendwie cool und eckte mit ihrer Art schon mal an. Und dann schrieb sie das Debüt „Mängelexemplar“ und ließ Kritiker sowie Leser gleichermaßen begeistert zurück. Die Kuttner schreibe wie ein Orkan und gäbe Tabuthemen wie Depression eine prägnante Stimme, meinten viele. Meine erste literarische Erfahrung mit Sarah Kuttner und ihrem mittlerweile dritten Buch hat nun auch Eindruck bei mir hinterlassen.

Kuttner schreibt nicht lange drum herum in „180 Grad Meer“, sondern kommt zackig zur Sache. Ihr intelligenter Erzählstil ist gepfeffert mit Wortwitz und entspringt der Ich-Perspektive. Sie gibt dem Leser kein sauberes Mädchen, sondern Jule. Jule ist ü30, ziellos und fühlt sich vollkommen wohl damit. Menschen, die das nicht verstehen, werden mit Verachtung gestraft. Wozu Karriere? Warum Hausfrau und Mutter sein? Das ist nicht Jules Cup of Tea. Sie ist kein zielstrebiger und begeisterungsfähiger Mensch. In ihr brodelt die Gleichgültigkeit.

 

„…Liebe oder Hass. Ich habe beides in rauen Mengen in mir. Warum kann das nicht reichen? Warum muss gesprochen und verändert und bemüht werden? Lasst uns nehmen, was wir kriegen können, und einfach gehen, wenn es nicht genug ist. Liebe oder Verachtung. So einfach.“

 

Jule hat schmutzigen, freudlosen Sex mit ihrem Chef obwohl sie in einer Beziehung ist. Sie hasst ihren Job als Sängerin, hat kein Verhältnis zu ihrem Vater und möchte ihre depressive, selbstbezogene Mutter am liebsten mundtot sehen. Auf Ablenkungen reagiert sie fast aggressiv. Ihre nicht wirklich starken zwischenmenschliche Züge, lassen sie manches Mal geradezu gefühlskalt wirken. Kurzum: Jules Charakter würde mich im wahren Leben sofort in die Flucht schlagen. Dennoch ist „180 Grad Meer“, trotz der schwierigen Protagonistin, alles andere als unangenehm zu lesen.

 

„Das Ignorieren einer Erwartung führt zu einer doppelten Enttäuschung: der meines Gegenübers und meiner eigenen.
Eine klassische lose-lose-Situation.“

 

Sarah Kuttner hat Jules Welt etwas grau gestaltet. Dort gibt es keinen sicheren Hafen. Man schippert mit ihr nicht nur Richtung England, sondern auf die etwas trostlose und ungemütliche Ungewissheit zu. Sie flüchtet nach einem Zerwürfnis mit ihrem Freund aus Berlin und besucht auf unbestimmte Zeit ihren Bruder Jakob in London. Mit der Anwesenheit von Jules Bruder, bekommt man eine verborgene Seite von ihr zu sehen. Dieses Bündnis der beiden Geschwister hat seinen eigenen Rhythmus, welcher mir gefiel. Auch ihre Beziehung zu >Leih-/Arschlochhund< Bruno hinterlässt bei ihr Spuren, und bei mir ein Dauergrinsen. Was mich manchmal etwas störte, war das Ausmaß der Bockigkeit und des ungezogenen Verhaltens bei Jule. Für eine erwachsene Frau wirkte sie dadurch etwas zu pupertär auf mich. Auch das Verhältnis mit Jules Vater wird nicht so intensiv beleuchtet, wie ich es mir erhofft habe. Schlussendlich hat der nämlich nur eine Art Cameo-Auftritt und bleibt dadurch etwas zu blass.

In Kuttners drittem Roman wird ein Blick in die angeknackste Seele eines Menschen geworfen. In vielen Werken, wird im Verlauf das Kaputte wie von Zauberhand repariert. In „180 Grad Meer“ geschehen keine großen Wunder und Wendungen. Aber es geschieht etwas, dass vielleicht prägender für Jule ist und auch realer auf den Leser wirkt. Sarah Kuttner zeigt durch Jules Augen, dass das Leben schonungslos und schwierig ist. Das es einem Rätsel aufgibt, die man nicht zwangsläufig verstehen und lösen kann (und will). Sie zeigt, die Lebensmüdigkeit und Kapitulation in einer Person, aber auch Hoffnung. Dennoch fühlt man sich kein Stück durch Tragik und Melancholie erschlagen. Der Sarkasmus der Protagonistin und die clevere Schreibe, gibt der Handlung viel Schwung. Man wird mit Jule auf der Suche nach dem perfekten Meer mitgerissen.

 

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