Rezension | „Der Koffer“ von Robin Roe

Kategorie: Rezensionen, Up(to)date | 6 Nestgeflüster

Autorin: Robin Roe / Umfang: 416 Seiten / Format: Hardcover / Verlag: Königskinder / erhältlich bei: Bücher.de, mayersche.de

 

Der Plot…

»Wie viele Sterne?«, hat Julians Vater immer gefragt, wenn er ihn abends ins Bett brachte. Zehntausend-Sterne-Tage waren die besten überhaupt. Doch Julians Eltern sind tot. Seit er bei seinem Onkel wohnt, ist ihm ist nichts geblieben als Geheimnisse und ein Koffer voller Erinnerungen. Als Julian seinem Pflegebruder Adam wieder begegnet, ist er zunächst voller Glück. Adam, der so nett ist und so tollpatschig und trotzdem zu den Coolen gehört. Doch es ist schwierig Vertrauen zu fassen. Und je mehr Vertrauen Julian fasst, desto mehr kommt Adam hinter seine Geheimnisse. Das bringt sie beide in große Gefahr.

 

 

Mein Resumé…

Auf den ersten Blick liest sich die Handlung in DER KOFFER ja schon wie ein durchschnittlicher zeitgenössischer Jugendbuch-Roman, dachte ich mir. Aufwühlende erste Leserstimmen folgten und dann geschah, womit ich anfangs gar nicht gerechnet hatte; ich wurde von einer gänzlich anderen Stimmung überwältigt als ich sie bei Jugendbüchern gewohnt bin.

In Wechselperspektiven schildert Robin Roe aus dem Leben der beiden grundverschiedenen Jungen Adam und Julian, deren Wege immer wieder zueinander führen.

Als man zum ersten Mal Julian vorgestellt wird, merkt man unmittelbar, dass er kein durchschnittlicher vierzehnjähriger Teenager ist. Er ist nicht nur von seinen Lehrern verkehrt eingeschätzt und vernachlässigt worden, weil er Lernschwierigkeiten hat, sondern trauert noch immer sehr tief um seine Eltern. Julian ist einsam, eingeschüchtert und wird von seinen Mitschülern gehänselt. Er hat nicht das Gefühl, jemandem vertrauen zu können. Vom ersten Moment an wusste ich, dass mein Herz für diesen Jungen bluten wird. Es sind seine Unschuld und seine Verwundbarkeit, die mir den Atem von der allerersten Seite geraubt haben.

Und dann ist da noch Adam, der zu 150 Prozent im Leben steht. Er lebt mit seiner Mutter allein, aber erfährt viel Geborgenheit und Zuneigung. Mit seiner offenen, aufmerksamen Art ist er überall beliebt und willkommen. Adam selbst ist wohl der netteste Charakter, den ich seit langem in einem Jugendbuch erleben durfte. Seine Persönlichkeit hat mich verzaubert. Von ihm kann man noch viel lernen, wie zum Beispiel sein Verhaltensmuster zu überdenken. Auch die Lehrer sehen in ihm eine Vertrauensperson. Dies ist auch der Grund, weshalb er gebeten wird, Julian ein wenig unter seine Fittiche zu nehmen. Für Adam ist dies mehr als erfreulich, da er für den Jungen fast brüderliche Zuneigung empfindet. Vor Jahren nahmen er und seine Mutter Julian nach dem Tod seiner Eltern kurzzeitig auf, bevor dieser zu seinem Onkel ziehen musste und sie sich aus den Augen verloren haben.
Zwischen beiden Jungs entsteht bald wieder die alte Vertrautheit, doch auch Adam kann nicht das Gefühl abschütteln, dass bei Julian etwas schief läuft.

Auch die Nebenfiguren, insbesondere Adams Clique, wurden sehr schön in die Handlung gewoben. Sie sind ein nicht unwichtiger Teil der Geschichte. Durch sie zeigt die Autorin, wie wichtig Freundschaften für die eigene Entwicklung sind.

Der Schreibstil Roe’s ist auf den Punkt. Die Umschreibungen wirken sehr gut formuliert und sind an den richtigen Stellen gefühlvoll untersetzt, wirken jedoch nicht überzogen. Es ist ein fast perfekter Mix aus gefühlvoll und schlichte Einfachheit. Aber wieso ‚fast‘? Nun, meiner persönlichen Meinung nach hätte man die Romanze weglassen können. Sie fühlte sich im Kontrast zum Rest als unwichtig an.

 

 

Dieses Jugendbuch beschäftigt sich mit einer sehr sensiblen Thematik, die mich in seiner geschilderten Form zutiefst erschreckt und verstört hat. Robin Roe bringt mit ihren Schilderungen absolute Albtraum-Szenarien und Traumatas hervor. Mir lief es beim Lesen dieser Momente eiskalt den Rücken hinunter.

In dieser Geschichte geht es nicht nur um Freundschaft, sondern auch darum, Vertrauen in das Gute im Leben zu haben und dass dir Menschen auch wohlgesonnen sind.

 

Tacheles…

„Der Koffer“ beinhaltet thematisch und daraus resultierend emotional, kein leichtes Gepäck. Man durchlebt mit Adam und insbesondere Julian, eine wahre Achterbahn der Gefühle. Zwischen Hoffen und Bangen ist alles dabei. Robin Roe verleiht dieser schwierigen Erzählung durch ihre wunderbare Schreibe die nötige Sensibilität und den entsprechenden Respekt. Ein ganz besonderer Roman, der mich mit seiner Intensität überraschte.

 

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    6 Nestgeflüster zu “Rezension | „Der Koffer“ von Robin Roe”

    1. Janina am 18. Juni 2017 um 16:42 Uhr

      „Ein ganz besonderer Roman, der mich mit seiner Intensität überraschte.“ Das spricht mich zu 100% an und hört sich genau nach einem Buch an, das mir gefallen würde. Ich bin gespannt und setze es ein bisschen höher auf meine Prioritäten-Liste. Happy Reading!

      • Sandy am 20. Juni 2017 um 13:46 Uhr

        Hi Janina,
        freut mich sehr, dass dich meine Worte überzeugt haben. Dann hoffe ich, dass es bald in den Weg zu dir findet. Wäre sehr schade, wenn nicht.

        LG
        Sandy

    2. Nicci Trallafitti am 4. Juni 2017 um 10:49 Uhr

      Hey!
      Ich muss es uuuunbedingt bald lesen.
      Man, ich hab einfach zu wenig Zeit. Wenn man die mal zu den Büchern dazukaufen könnte..

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
      Nicci

      • Sandy am 4. Juni 2017 um 17:08 Uhr

        Lieben Dank für deinen Kommentar, Nicci!
        Kann dir den ‚Koffer‘ sehr ans Herz legen. Geht unheimlich nahe.
        Ich hoffe du hast wenigstens jetzt über die freien Tage ein bisschen mehr Zeit zum lesen. 🙂

        Liebe Grüße,
        Sandy

    3. Shanty am 1. Juni 2017 um 09:58 Uhr

      Liebe Sandy,

      endlich kann ich deine Rezension zu „Der Koffer“ lesen, habe es nämlich vor ein paar Tagen selbst ausgelesen und was soll ich sagen… Wowowow!! Was für ein Buch! Sehe es wie du und finde, dass die Autorin mächtig Rückgrat bewiesen hat, sich solche einer Thematik auf diese besondere Art anzunehmen. Bin echt begeistert – Königskinder halt 😉

      Liebe Grüße und viel Sonne
      Shanty

      • Sandy am 3. Juni 2017 um 23:52 Uhr

        Liebe Shanty,
        es ist ein Buch, welches ganz schön an die Nieren und unter die Haut geht.
        Liest man in der Form äußerst selten im Jugendbuch.
        Merke verstärkt, dass sich momentan YA-Autoren sehr viel mehr aus der Komfortszone wagen (Beispiel auch „The Hate U Give“). Weiter so!

        Liebe Grüße,
        Sandy

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