[Review mal anders] „Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner

Kategorie: Review mal anders, Rezensionen, Up(to)date | 9 Nestgeflüster

Mängelexemplar_Kuttner

 

 Autorin: Sarah Kuttner / 272 Seiten / Gebundene Ausgabe / Verlag: S. Fischer Verlag / auch erhältlich bei: Bücher.de, mayersche.de

 

Der Plot…

Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, selbstironisch und liebenswert. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da. Als auch die cleversten Selbsttäuschungen nicht mehr helfen, tritt sie verzweifelt und mit wütendem Humor ihrer Depression entgegen.

 

 

Zwischen Wahn und Witz…

Protagonistin Karo ist eine anstrengende Frau, die ihrem näheren Umfeld und auch sich selbst nicht selten die Nerven raubt.Mängelexemplar_original Sie kommt flappsig rüber, trägt das Herz auf der Zunge und ist dabei recht zynisch. Karo hat sich nie viele Gedanken gemacht, über das was sie nicht hat. Sie steht mitten im Leben, hat einen Job den sie mag und eine Beziehung mit einem Mann, den sie eigentlich nicht so mag. Nachdem ihr Job futsch ist, hinterfragt sie ihr Leben und beendet gewissermaßen ihre Beziehung. Die Antwort des Universums folgt in Form von ersten schweren Panik- und Angstattacken. In dieser Notsituation eilt Karos Mutter zur Seite, ist für sie unverhoffter Anker und sicherer Hafen. Und auch ihr bester Freund Nelson lässt sie wissen, dass er da ist. Fortan besteht Karos Alltag daraus, jeglichen Stress von sich fern zu halten und sich in Therapiesitzungen mit ihren Ängsten auseinander zu setzen.

 

„Selbstmitleid ist nicht schick, es schmückt nicht, es ist hässlich und entstellt.“

~ Karo, S. 29

 

Karos Persönlichkeit fand bei mir großen Gefallen. Ich mochte ihre Art zu Denken und den Humor. Sie wirkt teils verloren mit ihrer Situation, denn sie hasst nichts mehr, als wie keine Kontrolle zu haben. Mit Gefühlsduseleien kann sie so gar nichts anfangen und wird somit komplett von den hässlichen Begleiterscheinungen der Depression überrollt. So stellt sie sich auf ihre eigene Weise den Problemen trotzig entgegen. Man begleitet sie auf dem steinigen Weg der Isolation und nimmt Teil an einigen Rückschlägen, aber auch wo sie neue Hoffnung schöpft.

 

„Du bist kein Hauptgewinn. Du bist ein Mängelexemplar. Ein zauberhaftes und liebenswertes Mängelexemplar und wenn da draußen jemand ist, der das sehen kann, dann ist er ein Hauptgewinn…“

~ Nelson zu Karo, S. 213

 

Sarah Kuttner umschreibt Karos seelische und emotionale Kämpfe humorvoll, aber auch mit der richtigen Note Tragik. Sie trifft mit ihrem Schreibstil den Nerv unserer Generation. Wer nach dem großen Unterhaltungsspaß in „Mängelexemplar“ sucht, sollte sich vielleicht nach einer anderen Lektüre umsehen. Denn darum geht es in diesem Roman auch nicht. Eine Depression ist nicht spaßig und fesch, und sollte sicher nicht in die Unterhaltungsschublade sortiert werden. Das Thema als solches ist nun mal nicht immer leicht zu greifen und ist unbequem. Kuttner gelingt es sehr gut, mit der richtigen Ernsthaftigkeit und ganz eigenem Taktgefühl die Depression als das zu erklären, was es ist: eine Krankheit, die an der mentalen Sicherheit heftig rüttelt und unbedingt ernst genommen werden muss.

Sarah Kuttner gibt durch ihre Figur Karo der Depression eine witzige und zugleich tieftraurige, bittere und auch leidenschaftliche Stimme. Sie wirft dabei nicht nur einen gekonnten Blick auf Karos emotionalen Zustand, sondern weist auf die Vergänglichkeit unserer Gesellschaft und die Werte, nach denen wir nicht selten umsonst streben, hin.

 

 

In bewegten Bildern…

Im Mai ist es übrigens soweit und die Verfilmung zum Buch wird in den deutschen Kinos anlaufen. Wer mehr erfahren will, schaut einfach mal auf der Facebook Fanpage zum Film vorbei.

 

Mängelexemplar_Film

 

 

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    9 Nestgeflüster zu “[Review mal anders] „Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner”

    1. Katharina am 10. Mai 2016 um 14:06 Uhr

      Eine total schöne Rezension! Ich finde das Thema so wichtig und die Art, wie Sarah Kuttner, damit sprachlich umgeht sehr schön und einzigartig in der deutschen Buchlandschaft. Die ausgewählten Zitate gefallen mir besonders gut!

      Und übermorgen ist es dann endlich soweit – der Film kommt in die Kinos! Ich durfte ihn ja vorab schon schauen und kann nur sagen, es ist super geworden. Auf unserem Blog kommt dazu morgen früh eine Rezension, falls dich ein paar Details interessieren. 😉

      Liebe Grüße und weiter so!
      Katharina von
      Großstadtgedanken

    2. Shanty am 6. März 2016 um 17:46 Uhr

      Huhu Sandy,

      werde mir definitiv dieses zuerst gönnen. Es hat mich ohnehin ja schon minimal mehr angesprochen als 180 Grad, nach deiner Rezension sind die Würfel aber endgültig gefallen. 🙂

      Grüßerl,
      Shanty

      • Sandy am 6. März 2016 um 18:33 Uhr

        Hi Shanty,
        das Buch gefiel mir aufgrund des herben Tons sehr gut. Ich finde, das passt so viel besser zu dem Thema als wenn man irgendwas beschönigt. Es lässt einen auch irgendwie reflektieren, was natürlich auch etwas beängstigend sein kann. Momentan weiß ich solche Bücher einfach zu schätzen.
        Bin deshalb sehr gespannt, wie Karos Geschichte auf dich wirken wird. 😉

        Herzliche Grüße,
        Sandy

    3. ThatYvo am 6. März 2016 um 17:10 Uhr

      Huch, das wird verfilmt? Na dann sollte ich es jetzt mal lesen. Die nötige Motivation hast du mir mit deiner Rezension ja jetzt geliefert 🙂

      • Sandy am 6. März 2016 um 18:29 Uhr

        Jap, endlich kommt es wohl raus. Glaube, das hat länger gedauert. Na, ich hoffe es wird dir gefallen.

    4. Jana am 6. März 2016 um 16:48 Uhr

      Das Buch klingt außerordentlich interessant. Die Psyche des Menschen ist ein sehr spannendes Thema und wenn es Sarah Kuttner schafft dieses schwierig darzustellbare Thema super zu beschreiben, werde ich mir das Buch mal als Leseprobe runterladen 🙂
      Außerdem passt es ja sehr gut zur Blogaktion von euch – Buch und Kinofilm 😉

      • Sandy am 6. März 2016 um 18:27 Uhr

        Sie macht es ungeheuer realistisch, aber bringt noch durch den Humor eine gewisse Verspieltheit mit rein. Und es ist definitiv ein gutes Projekt für die Challenge. 😉

    5. Melissa am 6. März 2016 um 16:39 Uhr

      Mich hat das Buch sehr berührt und nachdenklich gemacht. Bin gespannt auf die Verfilmung und lese solange Kuttners neuen Roman.
      Gruß,
      Melissa

      • Sandy am 6. März 2016 um 18:25 Uhr

        Absolut. So ging es mir auch oft. Zu emotional fand ich es aber nicht. Dir wünsche ich interessante Lesestunden mit „180 Grad Meer“.

        Viele Grüße,
        Sandy

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