Rezension | „Turtles all the way down“ von John Green

Kategorie: Up(to)date | 9 Nestgeflüster

Autor: John Green / Umfang: 304 Seiten / Format: Hardcover mit Schutzumschlag / US-Verlag: Dutton Books / erhältlich bei: Bücher.de / deutsche Übersetzung ab dem 10.11.2017: „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“

 

Der Plot…

Die 16-jährige Aza Holmes hatte sicher nicht vor, sich an der Suche nach dem verschwundenen Milliardär Russell Pickett zu beteiligen. Schließlich hat sie genügend Sorgen und vor allem Ängste, die ihre Gedankenwelt zwanghaft beherrschen. Doch als eine Hunderttausend-Dollar-Belohnung auf dem Spiel steht und ihre verrückte beste Freundin Daisy sie dazu anstachelt, das Geheimnis um Pickett aufzuklären, macht Aza mit. Sie versucht Mut zu beweisen und überwindet durch Daisy nicht nur kleine Hindernisse, sondern auch große Gegensätze, die sie von anderen Menschen trennen. Für Aza wird es ein großes Abenteuer und eine Reise ins Zentrum ihrer Gedankenspirale, der sie doch eigentlich zu entkommen versucht.

 

Mein Resumé…

Jeder, der die Bücher von John Green gelesen hat, dürfte sich die Frage schon gestellt haben: Wird mich auch dieses Buch emotional in den Abgrund stürzen?
Diese Frage in Bezug auf sein lang ersehntes neues Jugendbuch TURTLES ALL THE WAY DOWN für die Allgemeinheit zu beantworten, kann ich natürlich nicht. Mich persönlich wird ‚Turtles‘ aber gedanklich noch länger begleiten.

Oberflächlich betrachtet, hat dieses Jugendbuch alle [etwas unrealistischen] Komponenten, die wir von einem Green-Roman kennen: eine unmögliche skurille Mission, sprich den vermissten Milliardär finden und sich die Belohnung von 100.000 Dollar einstreichen. Eine hochgradig schrullige beste Freundin alias Daisy – leidenschaftlicher Star Wars-Fan, die Rey/Chewbacca (Liebes!!)FanFictions schreibt. Und das Objekt der Begierde, Davis Pickett – Sohn des vermeintlich Vermissten mit einer Leidenschaft für Astrologie und Poesie.

Die Freundschaft zwischen Aza und Daisy ist tief und realistisch, erleidet jedoch Risse. Denn Azas Zwangsstörungen haben so einige Nebenwirkungen auf ihr Umfeld.
Und dann trifft man auf Davis. Er ist kein uninteressanter Charakter, furchtbar einsam und verliebt in Aza. Trotz der himmlischen Gedichte und seiner Persönlichkeit, war ich mir nicht sicher, was John Green mit Davis‘ Präsenz bzw. dem Detektivspiel eigentlich bezweckte. Bei mir sorgte dieser Aspekt für Verwunderung. Insgesamt fühlte sich für mich das Detektivspiel etwas deplatziert (?) an. Aber das ist auch schon mein einziger Kritikpunkt.

Obwohl die typischen John-Green-Momente in der Cleverness und im Dialogwitz deutlich zu erkennen sind, geht der Autor einen etwas anderen Weg. Es geht nicht – wie wir es gewohnt sind – um die große Liebe, die alles bedeutender und klarer werden lässt.
Protagonistin Aza strebt nicht danach jemanden zu finden und zu lieben. Aza strebt danach, sich selbst zu finden und zu lieben. Das zu können, ist für sie ein täglicher angsteinflössender Kampf. Die Damönen in ihrem Kopf haben es nämlich in sich. Green verharmlost das nicht. Es sind hässliche und ehrliche Szenen, die man beobachtet und in denen es mir nicht selten kalt den Rücken runterlief.

„The question is not yet settled, wether the madness is or is not the loftiest intelligence.“

~ Dr. Singh quoting Edgar Allan Poe

 

Der Autor enthüllte mit Bekanntgabe des Titels vor ein paar Monaten, dass auch ihn die Krankheit OCD, seit seiner Kindheit begleitet. Und obwohl er klarstellt, dass er sich von seinen Erfahrungen distanzierte um Azas Geschichte schreiben zu können, so hat es sicherlich viel zur Authenzität des Buches beigetragen.

„Turtles all the way down“ ist aber nicht nur düster und tragisch. John Greens neues Buch ist typisch charmant und sprüht vor Witz. Daisy zum Beispiel, leuchtet in jeder Szene und hat mich mit ihren Auftritten umgehauen. Sei es, um ihren ehrlich gemeinten Standpunkt zur Liebe zwischen Rey und Chewbacca zu äußern, oder ihr chaotisches Liebesleben. Sie ist reichlich selbstbezogen und man will ihr öfters mal den Mund zukleistern. Davis und seine Poesie haben mich so bezaubert, dass ich nicht umhin kam entrückt zu grinsen.

Aus meiner Sicht hat John Green, trotz des missglückten Detektivspiels, als Schriftsteller eine Art Wachstumsschub gemacht. Er schafft es aus nunmehr einer Situation heraus die Erzählung dramaturgisch weiterzubringen und muss dafür keinen Settingwechsel machen (wie in „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ und „Margos Spuren“). Das Tempo ist gemäßigt, aber seine Schreibe fesselte mich. Bei einem so dünnen Buch könnte es für einige Leser vielleicht zu langsam vorangehen, aber mir gefiel das Tempo. Auch die Entwicklung gefiel mir. Sie signalisiert, dass auch John Green wachsen kann und das er seine Leser dabei unbedingt mitnehmen möchte.

„But I also had a life, a normal-ish life, which continued. For hours or days, the thoughts would leave me be, and I could remember something my Mom told me once: Your now is not your forever.“

~ Aza, Seite 93

 

»Turtles« wird vielleicht nicht jeden emotional „komplett zerstören“, aber das muss es nicht. Vielmehr soll Azas Geschichte sensibilisieren, eine neue Form von Empathie für die Krankheit zu schaffen. Und das wird es, da bin ich sicher.

Leser, die selbst unter Zwangsstörungen leiden, werden sich in Azas Geschichte wiederfinden. Sie werden John Green, so hört man jetzt vereinzelt bei US-Lesern, vielleicht sogar als ein Sprachrohr sehen.

Mir, die sich in der Vergangenheit mit der Thematik bereits beschäftigt hat, wurde mit dem Buch wieder ein anderer Blickwinkel gegeben. Dieser Einblick war bestürzend & furchteinflößend, aber auch lehrreich.

 

 

Tacheles…

Mit TURTLES ALL THE WAY DOWN hat John Green die Art von furchtlosen Roman abgeliefert, wie ich ihn mir erhofft habe. Er beschreibt auf zutiefst ehrliche Weise, wie schmerzhaft, einsam und erschreckend der Weg von Aza ist. Gepaart mit der charismatisch verkorksten Besetzung, der cleveren Schreibe und seltsamen Handlung, macht dieses Jugendbuch äußerst nachdenklich und auch Spaß. Green appeliert an Resilienz sowie die Kraft der Freundschaft. Er erinnerte mich daran, wie gerne ich seine Bücher nach wie vor lese.

 

Weiterer JuBu-Tipp mit Schwerpunkt Zwangsstörung
DANIEL IS DIFFERENT von Wesley King

 

 

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    9 Nestgeflüster zu “Rezension | „Turtles all the way down“ von John Green”

    1. Nicci Trallafitti am 4. November 2017 um 12:11 Uhr

      Hey Sandy!
      Wie eigentlich immer habe ich nun nur das Fazit gelesen, weil ich das Buch noch vor mir habe und so wenig wie möglich vorher darüber wissen will.

      Dein Fazit macht mich aber sehr neugierig, auch überzeugt es mich, dass ich das Buch unbedingt lesen muss. Ich freue mich sehr drauf.

      Liebe Grüße,
      Nicci

    2. Ani am 29. Oktober 2017 um 11:35 Uhr

      Hi!
      Das Buch habe ich gerade erst gekauft und sehr froh über deine Meinung. Ich mag John Green, aber bis jetzt konnte mich nur ein Buch von ihm packen und bei seinem neuesten Buch war der Klappentext eher nach meinem Stil. Ich bin schon sehr gespannt auf ein etwas anderes Buch von ihm!

      Viele liebe Grüße,
      Ani!

      • Sandy am 31. Oktober 2017 um 17:57 Uhr

        Liebe Ani,
        dann hoffe ich sehr, dass es deinen Geschmack treffen wird. Anders ist ‚Turtles‘ definitiv.

        Viele Grüße,
        Sandy

    3. Lena G. am 25. Oktober 2017 um 21:37 Uhr

      Hey meine liebe Sandy,

      ich habe mich getraut und deine Rezi gelesen. Wie schön du schreiben kannst.
      Also ich möchte dieses Buch UNBEDINGT lesen und freue mich schon sehr drauf 🙂

      Beste Grüße
      Lena

      • Sandy am 31. Oktober 2017 um 17:56 Uhr

        Hi liebe Lena,
        es freut mich, dass du dich überwinden konntest, die Rezi zu lesen. Man traut sich ja selbst nicht so oft, wenn man besagtes Buch noch lesen möchte und Angst vor Spoilern hat.
        Ich bin wirklich gespannt, wie du es finden wirst. Es ist ein anderer Green, gefiel mir aber ausgesprochen gut.

        Liebste Grüße,
        Sandy

    4. Cherry am 20. Oktober 2017 um 09:56 Uhr

      So, weil der Kommi bei mir ja irgendwie nicht angekommen ist, schreibe ich dir hier mal. 😉

      Ich fand es beim Lesen auch sehr schön, dass mal nicht die Liebesgeschichte im Mittelpunkt stand, sondern das Bedürfnis, sich selbst zu mögen und die Schwierigkeiten, die mit diesem Bedürfnis einhergehen, besonders dann, wenn man an einer Störung wie der von Aza leidet.

      Gestern habe ich mit einer Freundin über das Buch gesprochen und sie konnte Daisy leider nicht ganz so viel abgewinnen. Umso beruhigter bin ich jetzt, dass du sie ebenso toll fandest, wie ich. Dafür musste besagte Freundin an sehr vielen Stellen weinen, während das bei mir total ausblieb (obwohl ich es trotzdem emotional fand).

      Wie du schon sagst, Green ist besser geworden, so empfinde ich das jedenfalls auch, denn während mich seine alten Bücher (abgesehen von „The Fault in our stars“) ziemlich kalt gelassen haben, mochte ich seinen neuen Roman sehr sehr gern. Das mag an der Thematik liegen, aber ich glaube da steckt noch mehr dahinter, auch wenn ich es nicht so gut benennen kann wie du.

      Übrigens, eine sehr schöne Besprechung. Ich neige nicht dazu, lange Rezensionen zu lesen, aber hier habe ich gern eine Ausnahme gemacht 😉

      • Sandy am 20. Oktober 2017 um 15:21 Uhr

        Hi Cherry,
        soeben habe ich nochmal einen abgewandten Kommentar bei deiner Rezi verfasst.

        Ist echt interessant, was du über die Reaktion deiner Freundin schildert. Das Buch wird bestimmt polarisieren, aber auf ganz verschiedene Art.
        Daisy empfand ich im letzten Drittel als arg selbstbezogen, aber sonst ziemlich amüsant.

        Schön, dass du mein Gefühl von einem generell ‚besseren Green‘ bekräftigst. Vielleicht lag es wirklich an der Distanz zum Schreiben. Er hatte daraus kein Geheimnis gemacht, dass er diverse Projekte angefangen und über Bord geschmissen hatte, weil er schlichtweg blockiert war. Bei ‚Turtles‘ fühlte es sich wohl richtig an. Das liest man definitiv heraus.
        Nur hoffe ich, dass er für den nächsten Roman nicht wieder fünf Jahre braucht. Aber man kann es nicht erzwingen.

        Danke dir für die lieben Worte! Richtig schön, dass du die wirklich viel zu lange Besprechung (und ich habe noch gekürzt >.<) gelesen hast. Liebe Grüße

    5. Shanty am 19. Oktober 2017 um 10:24 Uhr

      Huhu Sandy 🙂
      War irgendwie hin und her gerissen, ob deine Rezension jetzt schon lesen soll, oder nicht. Habe immer panische Angst vor Spoilern 😀 Jetzt wollte ich es aber doch wissen und habe es nicht bereut. Im Gegenteil, ich freue mich jetzt nur noch mehr auf den neuen Green. Sehr schön zusammen gefasst!

      Liebste Grüße
      Shanty

      • Sandy am 20. Oktober 2017 um 08:34 Uhr

        Hi Shanty,
        freut mich natürlich sehr, dass du dich trotzdem „getraut“ hast, die Rezi zu lesen. 🙂
        In der Regel möchte ich auch nicht spoilern, da mich das selbst bei anderen abschreckt.
        Ich bin in jedem Fall schon jetzt neugierig auf deine Eindrücke beim lesen und das abschließende Fazit.

        Liebste Grüße,
        Sandy

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